
Schmerzen werden bei älteren Tieren häufig übersehen: Weniger Bewegung, vermehrter Rückzug oder nachlassende Fellpflege werden leicht als Alterserscheinungen eingeordnet. Eine konsequente Schmerzerkennung und individuell angepasste Therapie können die Lebensqualität dieser Patienten erheblich verbessern.
Besonders häufig sind Schmerzen durch degenerative Gelenkerkrankungen. Daneben müssen unter anderem Zahn- und Maulhöhlenerkrankungen, Tumoren, Wirbelsäulenerkrankungen und schmerzhafte Veränderungen innerer Organe berücksichtigt werden. Bei multimorbiden Patienten können mehrere Schmerzursachen gleichzeitig bestehen.
Schmerzen frühzeitig erkennen
Chronische Schmerzen äußern sich häufig durch verändertes Verhalten. Schwierigkeiten beim Aufstehen, Zögern vor Treppen, verändertes Springen, nächtliche Unruhe oder Abwehr bei Berührungen können wichtige Hinweise sein. Katzen zeigen oft keine deutliche Lahmheit, sondern verändern ihre Bewegungsabläufe, meiden erhöhte Plätze oder vernachlässigen die Körperpflege. Fehlende Lautäußerungen schließen Schmerzen nicht aus.
Die Schmerzeinschätzung verbindet Anamnese, klinische Untersuchung und Beobachtungen aus dem häuslichen Umfeld. Videos vom Aufstehen, Gehen oder Springen sind oft besonders aufschlussreich. Herzfrequenz, Atemfrequenz und Blutdruck allein sind dagegen keine verlässlichen Schmerzindikatoren, da sie auch – insbesondere in der Tierarztpraxis – durch Stress beeinflusst werden.
Standardisierte Fragebögen helfen, Veränderungen nachvollziehbar zu erfassen. Für chronische Gelenkschmerzen eignen sich beispielsweise der Canine Brief Pain Inventory (CBPI) oder LOAD beim Hund und der Feline Musculoskeletal Pain Index (FMPI) bei der Katze. Skalen für akute Schmerzen, etwa die Feline Grimace Scale, haben einen anderen Einsatzbereich.
Frühe Behandlung verhindert zentrale Sensibilisierung
Anhaltende Schmerzen können zu einer Sensibilisierung des Nervensystems führen. Die Schmerzempfindlichkeit steigt, und die Behandlung kann schwieriger werden. Eine frühzeitige, ausreichende Analgesie ist deshalb auch bei schleichenden Beschwerden wichtig.
Bei begründetem Schmerzverdacht kann ein kontrollierter analgetischer Therapieversuch sinnvoll sein. Dafür sollten vorab konkrete Ziele festgelegt werden: Steht der Hund leichter auf? Springt die Katze wieder auf ihren Lieblingsplatz? Schläft das Tier ruhiger? Eine ausbleibende Besserung schließt Schmerzen nicht sicher aus, sondern erfordert eine Überprüfung von Diagnose, Wirkstoffwahl und Behandlungsschema.
Multimodal und individuell behandeln
Eine wirksame Schmerztherapie kombiniert je nach Befund verschiedene medikamentöse und unterstützende Maßnahmen. Entscheidend sind Schmerzursache, Schmerzmechanismus, Begleiterkrankungen und die praktische Umsetzbarkeit.
Bei Osteoarthroseschmerzen gehören geeignete nichtsteroidale Antiphlogistika (NSAIDs) zu den gut untersuchten Behandlungsmöglichkeiten. Auch gegen den Nervenwachstumsfaktor gerichtete Antikörper stehen für Hunde und Katzen zur Verfügung. Ihr Einsatz richtet sich nach der zugelassenen Indikation, den aktuellen Empfehlungen und einer individuellen Nutzen-Risiko-Abwägung.
Bei starken Schmerzen können Opioide erforderlich sein. Ergänzende Wirkstoffe wie Gabapentin oder Amantadin kommen bei ausgewählten Patienten infrage, etwa bei vermuteten neuropathischen Schmerzanteilen oder unzureichender Wirkung einer Basistherapie. Eine zusätzliche Medikation sollte immer mit einem klaren Therapieziel und einer Erfolgskontrolle verbunden sein.
Ziel einer multimodalen Behandlung ist eine sinnvoll abgestimmte Behandlung, die eine wirksame Schmerzausschaltung gewährleistet und dabei den Patienten und seine Organsysteme möglichst wenig belastet.
Besonderheiten geriatrischer Patienten
Hohes Alter allein ist kein Grund, eine notwendige Schmerztherapie vorzuenthalten. Es macht jedoch eine sorgfältige Untersuchung und Überwachung besonders wichtig. Nieren- und Leberfunktion, Hydratation, Ernährungszustand sowie gleichzeitig verabreichte Medikamente beeinflussen die Auswahl und Dosierung der Analgetika.
Vor einer längerfristigen Behandlung sind geeignete Ausgangsbefunde zu erheben; weitere Kontrollen richten sich nach Wirkstoff, Begleiterkrankungen und klinischem Verlauf. Bei renal ausgeschiedenen Medikamenten können Dosis oder Dosierungsintervall angepasst werden müssen.
Auch eine chronische Nierenerkrankung bedeutet aber nicht, dass grundsätzlich auf jede wirksame Analgesie verzichtet werden muss. Bei ausgewählten Katzen mit stabiler Erkrankung kann eine NSAID-Behandlung unter sorgfältiger Überwachung vertretbar sein. Bei Dehydratation, Hypovolämie, Hypotonie oder instabiler Nierenfunktion sind NSAIDs dagegen zu vermeiden.
Bewegung und Alltag erleichtern
Medikamente sind ein wichtiger Teil der Behandlung. Ergänzend helfen eine angepasste Bewegung, gezielte Rehabilitation und der Erhalt der Muskulatur. Bei übergewichtigen Patienten kann eine kontrollierte Gewichtsreduktion die Gelenke entlasten; bei gebrechlichen Senioren muss zugleich einem weiteren Muskelverlust entgegengewirkt werden.
Rutschfeste Laufwege, gut erreichbare Liegeplätze, Rampen und niedrig zugängliche Katzentoiletten erleichtern den Alltag. Ergänzende Verfahren wie Akupunktur können im Einzelfall erwogen werden, ihre Wirksamkeit ist jedoch je nach Verfahren und Indikation unterschiedlich gut belegt.
Lebensqualität als Behandlungsziel
Langfristige Schmerztherapie braucht regelmäßige Rückmeldung. Tierhalter sollten wissen, welche Verbesserungen zu erwarten sind, welche Nebenwirkungen auftreten können und wann eine erneute Vorstellung notwendig ist.
Gerade in der geriatrischen und palliativen Versorgung zählt, ob das Tier wieder besser ruhen, sich bewegen und am vertrauten Alltag teilnehmen kann. Lassen sich Schmerzen trotz angepasster Behandlung nicht ausreichend kontrollieren, sind eine weiterführende schmerzmedizinische Betreuung und eine erneute Bewertung der Lebensqualität erforderlich.
